Interview mit Marco Girnth

Interview mit Marco Girnth

Hallo, ich hatte am 17.10.2008 die Gelegenheit, ein Telefoninterview mit Marco Girnth zu führen. Grund dafür war eigentlich sein letzter Film „Man liebt sich immer zweimal“
Und eigentlich hätte dieses Interview noch vor der Ausstrahlung des Filmes statt finden müssen. Aber Marco war zu dem Zeitpunkt schon in Namibia. Und danach ging es gleich nach Bochum, wo er für das ZDF einen Film dreht.
Etwas verspätet hatte er dann doch noch Zeit für mich und hier könnt ihr lesen, worüber wir so gesprochen haben. Viel Spaß. 

Autor/en: Vicki

Der Film „Man liebt sich immer zweimal“ beginnt mit einer Surfsequenz in St. Peter Ording. Ein Ort, den du sicher noch in guter Erinnerung hast. Hat ja hier eigentlich deine Karriere im Fernsehen begonnen. Es war eine Zeitreise in die Vergangenheit. Was war das für ein Gefühl, als du an die alte Stätte zurückgekehrt bist ? Hat sich dort viel verändert ?

Die Haupttangente, wenn man reinkommt, hat sich nicht viel verändert. Ich weiß, dass sich im Bad sehr viel verändert hat. Es gab auch unlängst eine Einweihungsfeier, bei der der Kurdirektor versuchte, uns alle zusammenzutrommeln, aber ich konnte an diesem Tag nicht.
Ich war dann aber eine Woche später da und es ist alles sehr schön geworden. Aber eben die Ecke, wo ich vor 10 Jahren mit Patrick Bach gewohnt habe, wir haben da zusammen in einem Haus gewohnt, unsere Strecke zum Set und zum Pfahlbau am Strand, da ist alles so geblieben wie es war. Als ich reinkam, hab ich alles so gesehen, wie es damals war. Und dann ist mir klar geworden, dass das alles 10 Jahre her ist. Das konnte ich gar nicht so richtig realisieren, dass das wirklich schon so lange her ist.
Und dann eben dieses Gefühl, es waren zum Teil gleiche Situationen. Ich bin dann wieder aus dem Wohnwagen in Neopren auf den Strand gestiefelt und das fühlte sich wirklich an wie vor 10 Jahren. Wir hatten zum Teil sogar die gleichen Komparsen, die damals schon bei uns für die Strandclique mitgemacht haben. Wir kannten uns alle noch und sind uns in die Arme gefallen, weil wir uns viele Jahre nicht gesehen haben. Das war sensationell. Es war wirklich wie ein Klassentreffen.

Das Wetter hat auch mitgespielt ?

Das Wetter war eigentlich eine Katastrophe. Also, wir kamen an und die Einheimischen sagten uns: “Mensch, ihr habt Glück gehabt hier, seit 9 Wochen kein Tropfen. Kein Wind, gar nichts. „ Und kaum sind wir da, an dem Abend davor war noch Bombenwetter. Und mit der ersten Klappe fing es an zu stürmen. Wir hatten Windstärke 8 und die Leute standen mit dicken Handschuhen und Mützen und Schal herum und wir mussten da Sommer spielen.
Zum Surfen war es eigentlich gut. Aber es gab halt auch Nebenbeigeschichten, die eigentlich ja bei Sommerwetter erzählt werden sollten.
Es war unheimlich kalt. Aber trotzdem, ich finde es toll in St. Peter Ording, wo du all diese
Elemente spüren kannst.

Bist du ein guter Surfer ?

Nee. Ich bin kein guter Surfer. Ich hab auch damals bei „Gegen den Wind“ oder „Strandclique“ mich nur ab und zu aufs Brett gestellt. Aber ich hab das nicht wirklich intensiv gemacht. Ich hab dann zur Vorbereitung zu dem Film, weil es eine Surfsequenz gab, noch einmal Surfunterricht genommen und musste dann aber gar nicht viel machen. Ich stand einmal kurz mit dem Kleinen auf dem Brett und habe ihm gezeigt, wie es geht und dann sind wir kurz losgefahren. Und eine kleine Stelle bin ich dann von links nach rechts gesurft.
Aber die richtigen Surfszenen, die haben dann die Profis gemacht.


Du erfährst im Film, dass du Vater eines Sohnes bist. Wie denkst du generell darüber, wenn einem Vater, warum auch immer, die Vaterschaft vorenthalten wird ?

Das gefällt mir natürlich gar nicht. Es ist einfach unfair , weil es drei Menschen betrifft. Die Entscheidung kannst du nicht treffen. Du musst es sagen, damit die anderen auch damit umgehen können. In welcher Form auch immer.

Und wie würde Marco Girnth reagieren, wenn er plötzlich erfährt, dass er Vater eines Sohnes ist ?

Das wird natürlich nicht passieren. Aber ich glaube nicht, dass ich gleich sofort zu dem Kind eine Vater/Sohn Beziehung im klassischen Stil aufbauen könnte. Einfach weil das ganze Zeit benötigt, sich kennen zu lernen.
Umgekehrt, wenn herauskommen würde, dass mein Sohn nicht mein Sohn wäre, dann wäre das trotzdem mein Sohn. Wenn auch nicht im biologischen Sinne.
Aber es würde mich halt interessieren. Ich hätte schon ein Interesse, eine Beziehung aufzubauen. Das könnte ich nicht wegweisen, so nach dem Motto - Wir hatten bis jetzt nichts miteinander zu tun, das bleibt auch so -  


In dem Film bist du nach Australien ausgewandert. Könntest du dir vorstellen, Deutschland den Rücken zu kehren ?

Zeitweise. Komplett nicht. Ich merke schon, dass ich dieses Verwurzelte, was man in Deutschland hat, dass ich das schon sehr schätze. Ich bin ja eigentlich aus dem Raum
Düsseldorf, Neuss, Köln die Ecke und lebe seit 10 Jahren in Berlin. 
Ich war jetzt gerade wieder auf eine Hochzeit in Neuss bei Freunden und hab wieder gemerkt, dass ich das irgendwie brauche. Nach Hause zu kommen. Die alten familiären Strukturen.
Wir kennen uns z.T. aus dem Kindergarten oder der Grundschule. Da trifft man Leute, die kann man eine zeitlang nicht gesehen haben, auch mal ein Jahr oder zwei. Dann sieht man sich und knüpft da an, wo man vor 2 Jahren aufgehört hat. Und es ist einfach da. Das würde ich auch haben wollen, die Möglichkeit der Erreichbarkeit. 
Für eine zeitlang könnte ich mir das vorstellen, auch woanders zu leben. Nur, ich glaube nicht, dass ich das auf Dauer durchziehen kann.

Dein Filmsohn Lasse wird von Lukas Schust gespielt. Er ist mit seinen 11 Jahren ja schon ein alter Hase im Filmgeschäft. Wie hast du die Dreharbeiten mit ihm 
empfunden ?


Er hat eine ganz besondere Eigenschaft. Er weiß unglaublich genau, was verlangt wird beim Film. Er ist schon ein totaler Profi und setzt unheimlich schnell um, was der Regisseur sagt. Er weiß viele Dinge, die man beim Film beachten muss. Er hat ne Menge drauf. Und er ist aber trotzdem Kind. Man kann mit ihm Faxen machen und er ist auf dem Teppich geblieben. 
Für ein Kind ist ein Filmset natürlich das Paradies. Es ist Arbeit, aber auch sehr viel Aufmerksamkeit da für so ein Kind. Man bewegt sich in der Erwachsenenwelt und jeder ist für einen da und versucht, ihm nebenbei das Leben so schön wie möglich zu machen.
Das kann dazu führen, dass das Kind das Aufmerksamkeitsüberangebot falsch versteht. Und das dann mitnimmt. Darin liegt natürlich die Gefahr.
Er kann das aber sehr gut einordnen. Das hat man selten. Er hat sich dann beim Casting, das weiß ich noch, so abgesetzt, weil er das so klasse umgesetzt hat, dass wir sagten, der ist super der Junge.

Du spielst neben der Soko Leipzig sehr viel Komödien. Was gefällt dir mehr Komödie oder Actionfilme ?

Eigentlich mache ich das ganze Jahr ja 20 Folgen Soko. Was eher Drama, Verbrechen, Mord und Totschlag, eben auch Action ist. Wo wir mit Kanonen durch die Stadt laufen und mit den Autos um die Ecke quietschen. Neben den persönlichen Dramen, die sich da abspielen. Deshalb ist es immer ganz abwechslungsreich, wenn man dann so ein zweimal im Jahr eine leichte Komödie zu spielen hat. Was jetzt aber nicht heißen soll, dass es leichter zu spielen ist.
Ich finde es deutlich schwieriger, manchmal. Oftmals ist es unklarer, wie man es anzulegen hat, als z.B. wenn man jemanden verhört. Die Situation ist klarer. Aber ich finde es halt eine gelungene Abwechslung und da sage ich gerne Danke. Trotzdem, ich mache beides gerne.
Diese Abwechslung, die passiert. Also ich laufe auch unheimlich gerne dreckverschmiert durch den Stollen und spring vor der Explosion weg. Das finde ich großartig.

Interessierst du dich für die Kritiken deiner Filme ? Und ist Katja zu Hause deine größte Kritikerin ?

Ich lese schon Kritiken.

Wir sagen uns ganz ehrlich die Meinung, was wir denken, was uns gefallen hat und was nicht. Bei jedem Film gibt es Punkte, wo du sagst, Mensch hier, das hat nicht funktioniert und manchmal sieht man es auch anders. Du hast ne Vorstellung für dich, siehst es vor deinen Augen, dann wird gedreht und du siehst es nachher und dann ist es ganz anders, als du es dir vorgestellt hast, als du es beim Dreh empfunden hast.
Es gibt Szenen, die beim Drehen für mich funktioniert haben oder eben nicht. Dann seh ich mir das an, dass es doch funktioniert hat oder nicht.
Manchmal ist es gut, wenn ein objektiver Dritter den Film schaut, der das Drehbuch nicht kennt. Der nur den Film sieht und dann sagt, pass mal auf, das hat nicht so funktioniert oder das, mach dir keine Sorgen, das passt schon alles. 
Und das ist ein gutes Feedback. Da können wir uns gegenseitig darauf verlassen, dass das eine Kritik ist, die jetzt objektiv ist. 
Leute, die behaupten, Kritiken interessiert sie nicht, ich möchte nicht sagen, dass ich den Leuten nicht glaube aber ich kann mir das nicht vorstellen.
Wir drehen ja kein Heimvideo. Wir drehen ja Filme mit Auswirkungen. Unser Ziel ist es, dass es den Leuten gefällt. Und man möchte doch ein Feedback bekommen, ob es gefallen hat.

Und man freut sich dann auch über gute Kritiken.

Oft werden ja Seriendarsteller in eine Schublade gepresst. Hast du das Gefühl, man kennt dich nur als Jan Maybach ?


Ich persönlich habe das Glück, nebenher noch andere Sachen zu machen. Sicher musste ich schon ein paar Dinge absagen. Ich bin sehr froh darüber, trotz des engen Drehplans, beides machen zu können.
Der Vorteil ist es ja, dass es eine Serie ist, mit 4 Protagonisten, wo jetzt keiner ganz intensiv im Vordergrund steht.
So wie Derrick. Wo er der Titelheld ist, der jahrelang mit dieser Figur identifiziert wurde. Horst Tappert war halt Derrick. Das Image bekommt man dann natürlich schwer wieder weg. Das ist jetzt bei uns eben nicht so. Es heißt ja nicht Soko Maybach sondern Soko Leipzig. Das sind 4 Leute, die mal mehr mal weniger im Einsatz sind.
Früher gab es eine andere Medienlandschaft. Du warst mit einer Serie viel mehr in der Öffentlichkeit als heute. Das liegt an der Sendervielfalt.
Das hat zum Nachteil, dass man natürlich mehr um die Gunst der Zuschauer kämpfen muss und es hat den Vorteil, dass wenn man so viel dreht, man nicht ganz so schnell in einer Ecke steht.


Du drehst jetzt seit Jahren für die Soko Leipzig. Niemand kennt natürlich die Personen und die Fälle besser als die Kommissare.
Könntest du dir vorstellen, selbst mal ein Drehbuch für die Soko Leipzig zu schreiben ?


Ja, absolut. Ich hab jetzt auch den Versuch gestartet. Die Idee zum Film ist da. Ich gebe auch gerne zu, dass es Situationen gibt, wo ich das Gefühl habe, mir ist was eingefallen, was besser funktionieren würde und mir dann beim Schreiben auffällt, dass das alles nicht so leicht ist.
Aber das ist auch ein ganz gesunder Prozess. Beim Schreiben selbst stellst du fest, in welchen Zwängen man ist, weil man nicht nur eine Geschichte schreibt. Es gibt gewisse Raster, gewisse Gesetzmäßigkeiten der Serie, die du beachten musst. Ich habe es noch nicht zu Ende gebracht, aber geschrieben ist sie schon.


Euer Sohn Niklas ist jetzt 5. Wir würdest du reagieren, wenn er eines Tages kommt und sagt, er möchte Schauspieler werden. Würdest du bzw. ihr ihm abraten oder ihn unterstützen ?

Man muss mal abwarten. Grundsätzlich wenn er den Wunsch hat, dann bekommt er natürlich Unterstützung. Da wir ja beide in diesem Beruf sind.
Natürlich wissen wir auch, wo die Probleme sind in diesem Bereich. Es hat sich alles ein bisschen verändert. Wir haben relativ viele Schauspieler in Deutschland. Es ist nicht mehr so glamourös, so wie es sich nach außen hin immer darstellt. Das muss man halt einfach wissen. Dass es halt auch viel Kreide fressen ist, viel Warten ist und viel Geduld erfordert, dass man überhaupt irgendwo ankommt. Wer weiß, wie es ist, wenn Niklas in dem Alter ist, diese Entscheidung zu treffen, sprich in 10 – 15 Jahren. Wohl eher 15. Wie es dann überhaupt aussieht. Wir haben gerade einen ganz großen Umbruch in der Medienlandschaft. Mal sehen, wo die Reise hingeht. Ich glaube, dass das Fernsehen selber die Funktion als Leit- und Massenmedium so langsam abgibt an das Internet. Wie sich dann im Internet überhaupt fiktive Geschichten durchsetzen, muss man sehen. Wir haben sowieso in den letzten 10 Jahren eine Tendenz zu Reality- und Dokosoaps und viele Sender haben wenig fiktionales
Programm gemacht. Das wird jetzt langsam wieder etwas rückläufiger. Ich hab den Eindruck, dass wieder etwas mehr gemacht wird. Und mal sehen, wo die Reise hingeht. Das kann man noch gar nicht sagen. Ob man in 15 Jahren jemandem dazu raten sollte.
Es gibt ja nicht nur Fernsehen, sondern auch Theater. Vielleicht sagt er auch, ich möchte das machen. Aber auch da wird’s schwieriger, da die Theater auch immer weniger Geld haben.
Man sollte ihm zumindest sagen, wo man die Probleme sieht. Aber abraten würde ich ihm nie.




Am Schluss noch 5 Begriffe, auf die du spontan antworten sollst.


Familie: Heimat
Beruf: Ich hätte jetzt schon fast wieder gesagt Heimat. Es ist so, wenn ich für die Soko
  Nach Leipzig fahre, dann habe ich so etwas wie ein warmes Gefühl von 
  Heimathafen. Also im Moment ist mein Beruf auch ein bisschen Ersatzfamilie
  Zum Teil. Also wenn ich nicht zu Hause bin, dann klammert man sich ein 
  Bisschen an so einem Team auf.
Träume: Also, im Grund möchte ich eigentlich, dass alles so bleibt wie es ist.
Jan Maybach: Eine Figur, die sich immer weiter von mir wegentwickelt. Die Parallelen 
  Zu mir und Jan Maybach waren vor 5 Jahren deutlich enger. Jetzt wird das ein
  Anderer Charakter.

  Das bereitet dir aber keine Schwierigkeiten, oder ?

  Nee, finde ich auch schöner. Es war halt sehr nah an mir dran. Auch die 
  Biografie, die die Autoren sich überlegt hatten, stimmten in Eckpunkten
  Mit meiner eigenen überein. Jetzt passieren da Dinge, die ihn deutlich 
  Weiter von mir wegentwickeln. Das ist ja das schöne an der Schauspielerei,
  dass du einfach Dinge machen kannst, die du sonst nicht machen kannst. Das
  passiert jetzt gerade. Dass er auf einem ganz anderen Pflaster steht und ich 
  deutlich Unterschiede feststelle.

Interviews: Interviews – Mach ich ganz gerne, wenn…..sie nicht live sind. Kein Scherz.
  Die Leute sagen immer, Mensch ihr kennt das doch. Ihr seid doch ständig
  Vor der Kamera. Ist aber was anderes. Jedes Mal, wenn man,..… was weiß ich,
  z.B. bei Kerner sitzt oder irgend eine Livesituation ist und über sich persönlich zu reden hat, geht mir ganz anders die Pumpe, als wenn ich einfach mal befreit,
  so wie wir jetzt zusammen, reden kann. Dann ist alles in Ordnung. Aber diese
  Liveinterviews sind in einem zeitlich engen Fenster, wo du 5 Minuten hast, um 
  Sich irgendwas zu erzählen. Ist nicht meins. Interviews mache ich bedingt 
  Gerne.

Vielen Dank Marco, dass du dir die Zeit genommen hast für ein paar Fragen und ich wünsche dir und deiner Familie für die Zukunft alles Gute.

  Ja, danke ebenso und es hat mich sehr gefreut.